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Metrolinie steht am Tresen und bestellt ein Bier

von | Jun 25, 2019 | Blog | 0 Kommentare

So wie ein Maler kein Bild sehen kann, ohne zugleich auch Proportionen, Farbgebung und Komposition des Bildes wahrzunehmen, kann auch kein Übersetzer, Texter, Journalist, Sprachlehrer usw. einen Text sehen, ohne auf eventuelle Fehler oder sprachliche bzw. inhaltliche Entgleisungen zu achten. Es ist wie eine Art Berufskrankheit, sie können nicht mehr anders. Und, nein, man ist kein Krümelkacker*, wenn man den mitunter nachlässigen Umgang einiger Leute mit unserer Sprache beanstandet. Man macht sich höchstens unbeliebt 🙂

Nehmen wir nur drei Beispiele, zwei davon stammen aus renommierten Tageszeitungen und eins aus der Social-Media-Werbung. Letzteres überrascht, da man eigentlich gerade bei Werbetexten erwarten kann, dass sie bis hin zum allerletzten Wort (Satzzeichen inbegriffen) so ausgefeilt und abgezirkelt sind, dass Aussage und Wirkung auf das jeweilige Zielpublikum absolut stimmig sind. Alles für die Konversionsrate!

 

Beispiel Nummer 1, überregionale Tageszeitung: “Wir müssen alles tun, damit Notre Dame bei den Olympischen Spielen von 2024 in Paris seinen Glanz wiederfindet”, fordert die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo.” Eindeutig unachtsam übersetzt, denn die Bürgermeisterin hat sicherlich nicht gefordert, dass die Kathedrale erst und nur für die Dauer der Olympischen Spiele wieder glänzen soll. Der Teufel steckt im Detail oder manchmal auch in der Präposition oder im Verb. Wie wär’s denn zum Beispiel damit? “Wir müssen alles tun, damit Notre Dame bis spätestens zu den Olympischen Spielen 2024 wieder im alten Glanz erstrahlt.”

 

Genial daneben ist das folgende Beispiel, ebenfalls aus einer überregionalen Tageszeitung: “In São Paulo musste eine ganze Metrolinie stehenbleiben:…” Das ist ja schon so schlecht, dass man davon ausgehen muss, dass Autor und Korrekturleser zusammen ein Bier trinken waren, während ein Programm unbeaufsichtigt die vorgegebenen Fakten zu einem “Text” zusammenbastelte. Nicht in São Paulo und nirgendwo auf der Welt kann eine Metrolinie stehen bleiben. Der Verkehr auf der Metrolinie kam zum Erliegen oder er kam zum Stillstand.  Der Verkehr auf der Metrolinie musste eingestellt werden. Oder sämtliche Züge auf der Linie mussten stehen bleiben. Oder die Züge der Metrolinie blieben stehen…

 

Das Highlight der Woche, eine Agentur, die dafür wirbt, uns beibringen zu wollen, was guter Content ist, bestreitet ihren Internetauftritt mit folgenden Worten: “X ist überzeugt und bestätigt im Testbericht: ‘Y ist mächtig und ein umfangreiches Tool für den gesamten Content-Marketing-Prozess.’ Wie steht’s mit euch?” Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit handelt es sich auch hier wieder um eine Übersetzung in die deutsche Sprache. Die Wortwahl und die Art der abschließenden Frage, die potentielle Kunden zum Klicken und besser noch zur Kontaktaufnahme veranlassen soll, sprechen dafür. Der Text klingt unecht, hölzern… Also, Werbung für guten Content ist das schon mal nicht. Aber es ist ein gutes Beispiel dafür, warum bei dieser Art von Texten ein einfaches Übersetzen nicht ausreicht und eine Transkreation, also Übersetzen und Texten, erforderlich ist, damit so ein Text beim Zielpublikum auch wirklich ankommt.

Unsere Sprache ist so reich an Möglichkeiten, Sachverhalte präzise, sprachlich sauber und angenehm lesbar darzustellen. Es liegt an uns selbst, egal ob beim Übersetzen oder beim Schreiben, diese Möglichkeiten auszuschöpfen. Es wäre schade, wenn aus welchen Gründen auch immer unsere Sprache immer mehr verflacht, vereinfacht, versimplifiziert würde und Wortreichtum und Kreativität im Ausdruck immer mehr verloren gingen.

 

Ina Kropeit

 

*Falls jemandem dieser Ausdruck nicht geläufig sein sollte, bei einem Krümelkacker handelt es sich um eine Person, die an allem und jedem immer irgendetwas auszusetzen hat und dies dann auch völlig hemmungslos auslebt. Man nennt sie auch Haarspalter.